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  Andreas
   
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11-26-2005, 16:24   | Dzogchen-Praxis im Alltag


Dzogchen-Praxis im Alltag

Dilgo Khyentse Rinpoche

Die tägliche Praxis des Dzogchen besteht ganz einfach darin, eine vollständig unbekümmerte Akzeptanz, eine unbegrenzte Offenheit allen Situationen gegenüber zu entwickeln.

Wir sollten Offenheit als das Spielfeld unserer Emotionen erkennen und mit anderen Menschen ungekünstelt und ohne Manipulation oder Strategie in Verbindung treten.

Wir sollten alles vollständig erfahren, uns niemals in uns selbst zurückziehen wie ein Murmeltier in sein Loch. Diese Praxis setzt eine enorme Energie frei, die normalerweise durch den Prozess der Aufrechterhaltung fester Bezugspunkte gebunden ist. Das Festhalten an diesen Bezugspunkten ist der Prozess, durch den wir uns von der direkten Erfahrung des Alltags entfernen.

Im Augenblick präsent zu sein kann zunächst Ängste auslösen. Doch indem wir die Erfahrung von Angst mit vollständiger Offenheit willkommen heissen, durchtrennen wir die Hindernisse, die durch emotionale Gewohnheitsmuster geschaffen wurden.

Wenn wir uns auf die Praxis einlassen, den Raum zu entdecken, sollte wir das Gefühl entwickeln, uns dem gesamten Universum gegenüber vollkommen zu öffnen. Wir sollten uns mit absoluter Einfachheit und Blösse des Geistes öffnen. Dies ist die kraftvolle und einfache Praxis, die Masken des Selbstschutzes fallen zu lassen.  

Wir sollten in unserer Meditation keine Trennung zwischen Wahrnehmung und dem Feld der Wahrnehmung herbeiführen. Wir sollten nicht wie ein Katze werden, die ein Maus beobachtet. Wir sollten erkennen, dass es nicht das Ziel der Meditation ist "tief in uns zu gehen" oder uns von der Welt zurückzuziehen. Praxis sollte frei und ohne Konzepte sein, ohne angestrengte Innenschau und Konzentration.

Gewaltiger selbstleuchtender Weisheitsraum ohne Ursache ist der Boden des Seins - der Anfang und das Ende der Verwirrung. Die Präsenz der Bewusstheit im ungeborenen Zustand unterscheidet nicht zwischen Erleuchtung und Nicht-Erleuchtung. Dieser Boden des Seins, der bekannt ist als reiner oder ursprünglicher Geist, ist die Quelle, aus der alle Phänomene entspringen. Er ist bekannt als die Grosse Mutter, als die Gebärmutter der Potentialität, aus der alle Dinge aufsteigen und in die sie sich wieder auflösen in natürlicher Selbst-Vervollkommnung und absoluter Spontanität.

Alle Aspekte der Phänomene sind völlig klar und leuchtend. Das ganze Universum ist offen und ungehindert - alles durchdringt sich gegenseitig.

Wenn man alle Dinge als nackt, klar und frei von Verdunkelungen betrachtet, gibt es nichts zu erreichen oder zu erkennen. Die Natur der Phänomene erscheint natürlich und ist auf natürliche Weise präsent in einer Bewusstheit, die über Zeit hinausgeht. Alles ist auf natürliche Weise perfekt so wie es ist. Alle Phänomene erscheinen in ihrer Einzigartigkeit als Teil des fortwährend in Veränderung begriffenen Musters. Diese Muster vibrieren in jedem Augenblick vor Bedeutsamkeit und Aussagekraft; dennoch macht es keinen Sinn, an solchen Bedeutungen anzuhaften über den Moment hinaus, in dem sie sich zeigen. 

Dies ist der Tanz der fünf Elemente in dem Materie ein Sinnbild für Energie und Energie ein Sinnbild für Leerheit ist. Wir sind ein Sinnbild unserer eigenen Erleuchtung. Ohne Anstrengung oder Praxis jeglicher Art ist Befreiung und Erleuchtung schon da.

Die tägliche Praxis des Dzogchen ist einfach das tägliche Leben selbst. Da es keinen unentwickelten Zustand gibt, gibt es keinen Grund, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten oder zu versuchen, irgendetwas zu erreichen das höher ist oder über das hinaus geht, was Du tatsächlich bist. Da sollte kein Gefühl der Bemühung sein, ein "erstaunliches Ziel" oder einen "höheren Zustand" zu erreichen.

Nach einem solchen Zustand zu streben ist eine Neurose, die uns nur begrenzt und dazu beiträgt, den freien Fluss des Geistes zu behindern. Wir sollten ausserdem vermeiden, uns für wertlose Personen zu halten - wir sind natürlicherweise frei und unbegrenzt. Wir sind aus uns selbst heraus erleuchtet und es fehlt uns nichts.

Wenn wir eine Meditationspraxis ausüben, sollte sie sich ebenso natürlich anfühlen wie Essen, Atmen und ein Besuch der Toilette. Es sollte kein besonderes Ereignis werden, aufgebläht durch Ernsthaftigkeit und Einsamkeit. Wir sollten erkennen, dass Meditation über Anstrengung, Übung, Absichten, Ziele und die Dualität der Befreiung und Nicht-Befreiung hinaus geht. Meditation ist immer vollkommen; es gibt keinen Grund etwas zu berichtigen. Da alles, was erscheint einfach das Spiel des Geistes an sich ist, gibt es keine unbefriedigende Meditation und keinen Bedarf, Gedanken als gut oder schlecht zu beurteilen.

Daher sollten wir einfach sitzen. Bleibe einfach an Deinem eigenen Ort, in Deinem Zustand genau so, wie er ist. Das Gefühl sich seiner selbst bewusst zu sein vergessend, brauchen wir nicht zu denken: "Ich meditiere". Unsere Praxis sollte ohne Anstrengung sein, ohne Anspannung, ohne Versuche, etwas zu kontrollieren oder zu erzwingen und ohne den Versuch, "friedlich" zu werden.

Wenn wir feststellen, dass wir uns auf irgendeine dieser Weisen stören, hören wir auf zu meditieren und ruhen uns einfach aus oder entspannen uns für eine Weile. Dann setzen wir die Meditation fort. Wenn wir "interessante Erfahrungen" während oder nach der Meditation machen, sollten wir vermeiden sie als etwas Besonderes zu betrachten. Diese Erfahrungen sind einfach Zeichen, dass die Praxis Wirkung zeigt und sollten als vorrübergehende Erreignisse betrachtet werden. Wir sollten nicht versuchen, die Erfahrung zurückzuerlangen, denn wenn wir das tun, hat das nur den Effekt, dass wir die natürliche Spontanität des Geistes stören.

Alle Phänomene sind vollständig neu und frisch, absolut einzigartig und völlig frei von allen Konzepten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie werden in Zeitlosigkeit erfahren.

Der kontinuierliche Strom von neuen Entdeckungen, Offenbarungen und Inspiration der jedem Augenblick entspringt, ist die Manifestation unserer Klarheit. Wir sollten lernen, das alltägliche Leben als Mandala zu sehen - die leuchtenden Ringe der Erfahrung, die spontan aus der Leerheits-Natur unseres Seins ausstrahlen. Die Aspekte unseres Mandalas sind die von-Tag-zu-Tag-Objekte unserer Lebenserfahrung, die sich im Tanz oder Spiel des Universums  bewegen. Durch dieses Sinnbild enthüllt der Innere Lehrer die tiefgründige und letztendliche Bedeutsamkeit des Seins. Daher sollten wir natürlich und spontan sein, alles akzeptierend und aus allem lernend. Dies ermöglicht uns, die ironische und amüsante Seite der Ereignisse zu sehen, die uns normalerweise irritieren.

In der Meditation können wir die Illusionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchschauen - unsere Erfahrung wird zu einer Kontinutität von Jetztheit. Die Vergangenheit ist nur eine unzuverlässige Erinnerung, die in der Gegenwart festgehalten wird. Die Zukunft ist nur eine Projektion unserer gegenwärtigen Glaubensmuster. Die Gegenwart selbst verschwindet sobald wir versuchen, sie zu ergreifen. Warum also sollten wir uns damit abgeben, zu versuchen die Illusion von Festigkeit zu erschaffen?

Wir sollten uns von unseren vergangenen Erinnerungen befreien und von unseren Konzepten von Meditation. Jeder Augenblick von Meditation ist völlig einzigartig und voller Potentiale. In solchen Momenten werden wir unfähig sein, unsere Meditation in Hinblick auf vergangene Erfahrung, trockene Theorie oder hohle Rethorik zu beurteilen.

Einfach direkt in Meditation einzutauchen im augenblicklichen Jetzt, mit unserem gesamten Sein, frei von Zögern, Langeweile oder Aufregung, IST Erleuchtung.

"S. H. Dalai Lama sagte einst von Dilgo Khyentse Rinpoche, daß er einer seiner Hauptlehrer gewesen wäre. Dazu war Rinpoche der religiöse Ratgeber des Königs und der königlichen Familie von Bhutan. Seit 1988 war er das Oberhaupt der Nyingma Tradition.

Diese Alte Tradition leitet sich von Padmasambhava (auch Guru Rinpoche genannt) ab, der im achten Jahrhundert auf Einladung König Trisong Detsens von Indien nach Tibet kam, um die Verbreitung des Buddhismus voranzutreiben. Er konnte die ortsübliche und vorbuddhistische Bön-Religion mit den Lehren, die er aus Indien mitbrachte, versöhnen, was die Bön Tradition eine tiefe und anhaltende Veränderung durchgehen ließ unter dem Einfluß des Buddhismus.

Dilgo Khyentse Rinpoche selbst gilt unter anderem als Inkarnation des König Trisong Detsen. Khyentse bedeutet wörtlich übersetzt Weisheit und Liebe. Dilgo Khyentse Rinpoche widmete sein ganzes Leben der Erhaltung und Verbreitung der buddhistischen Lehren."

[Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt
von Andreas - Jonten Dorje - am 26.11.2005]


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  Andreas
   
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11-27-2005, 13:51  


Die Dzogchen-Sichtweise

Es wird oft gesagt, dass die Dzogchen-Sichtweise über alle anderen spirituellen Praktiken und Meditationen hinausgeht, dass es die höchste Sicht ist und unbedingt praktiziert werden sollte.

Zwar heisst Dzogchen wörtlich "Die Grosse Vervollkommnung", aber dennoch ist die oben erwähnte Einstellung fehlerhaft. Denn indem man denkt, dass die anderen Wege falsch oder minderwertig sind und Dzogchen die beste Sicht ist, führt man eine Trennung in zwei Seiten durch - die negative und die positive Seite, die höhere und die minderwertige  Sicht; Dzogchen jedoch hat keine Seiten. Wenn Du immer noch nach den zwei Seiten greifst, hast Du die Dzogchen-Sichtweise nicht verwirklicht. Wenn Du im befreiten Zustand verweilst, gibt es keine Notwendigkeit, irgendetwas festzuhalten oder abzulehnen.

Auf der Grundlage der Einstellung, dass die höchste Praxis immer jene ist, die gerade jetzt zur Verfügung steht und den größten Nutzen bringt - eine Einstellung die vor allem im Dzogchen gepflegt wird, wie er über den Bön übertragen wird - kann man jede Praxis bis hin zu schamanistischen oder magischen Handlungen mit der Dzogchen-Sicht verbinden. Auf diesen Weise verwandelt sich jede Handlung zu einem Schritt auf dem Weg und ist gleichzeitig und untrennbar ein Teil der fortwährenden natürlichen Erleuchtungserfahrung.

Die buddhistische Dzogchen-Übertragung unterscheidet sich vor allem darin von der Bön-Übertragung, dass man die schamanischen und magischen Ebenen auf ein vergeistigtere Ebene transformiert hat und sich mehr auf die Meditationsübungen konzentriert, während im Dzogchen-Bön - unter unbedingter Beibehaltung der mitfühlenden Einstellung - durchaus schamanische und magische Rituale der Bön-Tradition auch auf den gröberen oder dichteren Ebenen der Materie zum Einsatz kommen, wenn der Praktizierende dies für die gerade effektivste Handlungsweise hält.

Andreas


  Andreas
   
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11-28-2005, 12:42  


"Dzogchen ist also das Wissen von Licht und Raum. Der Raum ist die leere Große Mutter, aus der alle Erscheinungen als Spiel des Lichts hervorgehen, in der alle Phänomene existieren und in die hinein sie sich wieder auflösen. Das Spiel des Lichts ist die Aktivität der Fünf Reinen Lichter, der Essenz der fünf Elemente. Deren Manifestation führt zu allen Dingen, Wesen und Elementen der Erfahrung. Dies ist die grundlegende Sicht des Dzogchen."

Aus: Tenzin Wangyal Rinpoche:
Die heilende Kraft des Buddhismus
Leben im Einklang mit den fünf Elementen.


  Jönten Rinchen
 
 
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09-13-2007, 11:11   | Die große Vollkommenheit


Die Dzogchen Samayas

Es heißt, in der Dzogchen-Lehre gibt es weder Regeln noch Gelübde oder Verpflichtungen. Das kommt daher, weil diese Lehre jenseits einer solchen Ebene ist. Warum gibt es da keine Regeln? Weil Regeln eine Möglichkeit sind, Menschen zu konditionieren, wenn man sich darauf versteht.

Wir versuchen, im Dzogchen zuallererst Erkenntnis zu gewinnen, um volle Verantwortung für uns und das eigene Leben zu übernehmen. Aus gleichem Grund gibt es da auch keine Gelübde. Denn auch ein Gelübde abzulegen ist eine Art Konditionierung seiner selbst. Ein Versprechen oder eine Verpflichtung schränkt eine Person ein und ist in der Zeit begrenzt.

Wenn wir über die Samayas, die Gelübde oder Verpflichtungen, bei Dzogchen sprechen, können wir sie mit vier Prinzipien erklären. Wenn sie manchmal Versprechen oder Gelübde genannt werden, versteht man darunter meist die Verpflichtung, etwas zu tun. Doch die vier Prinzipien [im Dzogchen] implizieren nicht, dass etwas getan werden soll. Vielmehr haben sie etwas mit Erkenntnis zu tun, [und] Erkenntnis ist jenseits eines Versprechens. Die vier Prinzipien werden zwar Verpflichtung genannt, tatsächlich sind sie aber vier Betrachtungsweisen oder vier Aspekte der Erkenntnis.

Mepa (med pa), “da ist nichts”, ist der erste dieser Samayas. Wenn man nämlich sagt, “da ist etwas”, entsteht sofort ein Konzept. Und wo ein Konzept ist, ist auch der Ansatz für dualistisches Denken gegeben. Die Aussage “da ist nichts”, ist kein Konzept, sie ist eine Erkenntnis.
Es gibt einen Text, der eine Art Zusammenfassung der Dzogchen-Lehren darstellt. Er trägt den Titel: “Der Ruf des Kuckucks”, Rigpä Khujug. [In Deutsch ist der Text in Diederichs Gelber Reihe 154 unter dem Titel “Spiegel des Bewußtseins”, Hugendubel 1999, erschienen.] Darin steht folgender Satz: “Ji shinwa she mi tog”. “Ji shinwa” bedeutet “so, wie es ist”. Auch dies sollte nicht als Konzept aufgefasst werden, als eine begriffliche Erklärung zu dem, was ist.

Wenn jemand sagt: “Da ist nichts”, und wenn das dann selbst zu einem Konzept wird, macht das keinen Sinn. Wenn du jemanden fragst: “Wie heißt du?”, und er antwortet: “Ich habe keinen Namen”, und du dann rufst: “He, ‘Kein-Name’, komm mal her!”, dann ist “Kein-Name” zum Namen geworden. Mepa, “da ist nichts”, darf man nicht zu einem Konzept machen. Es ist eher Erkenntnis.

Nun der zweite dieser Dzogchen Samayas : Chalpa ('chal ba’). Es bedeutet: “Alles ist gegenwärtig” und auch man selbst ist in dieser Gegenwärtigkeit von allem voll präsent. Wenn wir über den “ursprünglichen Zustand” sprechen, über die ursprüngliche Bewußtheit jedes Menschen, so - ihr erinnert euch – sprechen wir von Essenz und Natur. Die Essenz ist leer. Da ist nichts. Die Natur jedoch ist Klarheit.

Um die Bedeutung zu verstehen, haltet ihr inne, um die eigenen Gedanken zu beobachten: Sie steigen auf, ihr schaut sie an. Ihr wisst nicht, woher sie kommen. Es gibt keinen Ursprungsort, ihr findet nichts. Das wird als Essenz angesehen: Es ist nichts da. Aber obwohl da nichts ist, tauchen unaufhörlich Gedanken auf. Ihr bemerkt den nächsten Gedanken. Es gibt immer noch nichts zu entdecken, woher er eigentlich kommt - schon taucht der nächste Gedanke auf. Im Grunde ist nichts da, aber es passiert ständig etwas, es geschieht dauernd, es ist eine fortlaufende Geschichte, die wir wahrnehmen. Das ist mit Klarheit gemeint, die wir Natur nennen.

So geht es uns auch, wenn wir über diese vier Verpflichtungen oder Betrachtungen sprechen. Zu allererst ist da gar nichts. Dennoch ist alles gegenwärtig, und wir selbst sind darin präsent. “Nichts ist da” bedeutet nicht, dass da nichts ist. Und es gibt nicht irgendetwas, das man als “Nichts“ lokalisieren könnte. Alles ist präsent, vorhanden. Das ist also die zweite Betrachtungsart, Chalpa. Sie bedeutet, wie immer die Umstände oder Ereignisse sind: Hier sind sie.

Der dritte Samaya wird Chigpu (gcig pu) genannt. Chigpu bedeutet “einzig”, und diese Singularität bezieht sich auf den Zustand des Individuums als solchen. Wenn wir über das Universum sprechen, können wir eine Menge komplizierter und phantastischer Erklärungen geben. Auch wenn es um die karmischen Visionen der sechs Daseinsbereiche geht, können wir eine Art geografische oder kosmologische Vorstellung entwickeln. Doch in Wahrheit finden wir all das tatsächlich nur in uns selbst, im Zustand jedes Einzelnen. Wenn wir über die Natur des Spiegels sprechen, ist es genau so: Der Spiegel reflektiert nur. Deshalb sagen wir, der Zustand des Individuums selbst ist das Zentrum des Universums. Das ist mit “einzig”, gemeint. Dies gilt für jeden Menschen. Es bedeutet aber nicht, dass ich das Zentrum des Universums bin und ihr etwa ein Teil von mir oder dass ihr der Ausdruck meiner selbst seid. Der Zustand jedes Individuums wird so erklärt. Diese Art Betrachtung, Chigpu, ist Erkenntnis.

Der letzte der Dzogchen Samayas wird Lhundrub (lhun grub) “von sich aus vollkommen” oder “von Natur her vollkommen” genannt. Es ist jenes Prinzip der Dzogchen-Lehre, das besagt, dass jeder Mensch ganz, von Anbeginn an vollkommen ist. Wenn ein Meister uns die Dzogchen Lehren überträgt, ist das, was er überträgt, diese gefühlte und gelebte Erkenntnis. Als Individuum versuchst du dies zu verstehen. Und wenn du den Weg der Praxis gehst, versuchst du, in diesem Zustand zu leben, selber den Zustand der Erkenntnis zu finden. Am Ende versuchst du, diesen Zustand, dieses Wissen, weiter zu entwickeln, bis du dich schließlich selbst verwirklichst. Zu versuchen, in dieser Erkenntnis zu leben, stetig diesen Zustand fortzusetzen, das ist es, was wir ein Versprechen oder eine Verpflichtung nennen. Andere Gelübde gibt es im Dzogchen nicht. Das bedeutet es also.

Wenn ihr dieses Thema studiert, etwa als Tibetologen, wenn ihr zum Beispiel das Nyingthig Yabshi (sNying thig ya bzhi) studiert, findet ihr dort Erklärungen zu Versprechen oder Gelübden. Die Gelehrten schreiben, dass es im Dzogchen manchmal Gelübde gäbe und manchmal nicht. Und dann sagen sie, sie könnten eine Reihe von Erklärungen über Gelübde geben. Aber es ist nicht Sache des Dzogchen, aus dem Kopf heraus intellektuelle Erklärungen zu geben, es ist eher einfach.

Es gibt die zwei Möglichkeiten, den Weg des Dzogchen zu sehen. Eine davon ist die Sichtweise des Anuyoga. Im Anuyoga wird das Wort Dzogchen dazu verwendet, den letztendlichen Zustand, den “Punkt der Ankunft” zu beschreiben. Im Anuyoga-System gibt es Visualisation und Transformation. Auf dem Weg zur Transformation muss man seine Fehler bekennen; dabei nimmt man Gelübde auf sich und übernimmt Verpflichtungen, so wird es erklärt. Das wird dann zusammengefasst in drei prinzipielle Gelübde, die Gelübde des Körpers, der Stimme und des Geistes genannt werden. Die Gelehrten machten aus diesen drei Gelübden fünfundzwanzig und arbeiteten sehr detaillierte Erklärungen dafür aus, was sie sind, wie sie beachtet werden müssen, und manches mehr. Das müsst ihr wissen, wenn von den zwei Aspekten des Dzogchen die Rede ist.
Versprechen und Gelübde sind etwas, das selbstverständlich mit der Haltung und dem Verhalten verbunden ist.

Im Dzogchen gibt es keinerlei Versprechen oder Gebote. “Es gibt keine Gebote” impliziert, dass es stattdessen Bewusstheit gibt. Man hat gelernt, dass weder Gelübde noch Regeln vorhanden sind, und das ist unverzichtbar. Dieses besondere Wissen, das kontinuierliche Bewusstheit beinhaltet, ist auch eine Art Verpflichtung, die eingehalten werden muss. Denn wenn man das nicht auf diese Weise versteht und jemanden sagen hört, dass es [im Dzogchen] keine Versprechungen und Verpflichtungen gibt, sagt ihr euch sonst: “Gott sei Dank, das macht's leicht. Ich muss ja gar nichts tun”. Es scheint eben nur so, als ob in den Lehren keine Verpflichtungen oder Versprechen vorhanden seien.

In Wahrheit ist es eine sehr viel schwierigere Position - weit entfernt davon leicht zu sein. Denn es bedeutet, dass man die Verantwortung nicht auf die Regel abwälzen kann. Ihr habt die Verantwortung hundertprozentig selbst übernommen. Einer Regel zu folgen, die euch vorgibt, wie ihr euch etwa auf einer bestimmten Straße verhalten sollt, ist recht einfach. Wenn euch jedoch gesagt wird: “Tu dein Bestes, ganz gleich mit welcher Situation du konfrontiert wirst und mit wem du es zu tun hast”, ist das etwas ganz Anderes. Denn du fragst dich dann: “Nun, wer weiß, was auf mich zu kommt. Wer weiß, wen ich treffen werde, was zu besprechen sein wird; was wird wohl passieren?”

Wenn du ein Kind zu jemandem schicken willst, wird es fragen: “Papa, was soll ich sagen?” Du antwortest: “Sag ihm bitte ..., genau das. Das ist die Botschaft, die du ihm überbringen sollst. Dann komm gleich zurück.” Das Kind geht los, und ist ganz glücklich. Dort angekommen, sagt es: “Von meinem Papa soll ich ... ausrichten.” Dann geht es zurück.

Es ist ja sehr viel einfacher, wenn präzise angegeben wird, was getan oder was nicht getan werden soll. Wenn ich meinen kleinen Sohn irgendwo hinschicke, ihn mit einer bestimmten Situation konfrontiere und ihn mit jemandem sprechen lasse, wird er, wenn er seinen Verstand gebraucht, seinen Vater fragen: “Papa, ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll, und wie soll ich es sagen?“ Wenn er mich das so fragt, was antworte ich ihm?

Das ist gerade erst der Anfang von dem, worüber man nachdenkt. Was du dir im Voraus zurechtlegst, muss ja keineswegs mit dem übereinstimmen, was dann auch tatsächlich gesagt und getan wird, wenn die Situation da ist. Das ist es, was wir mit “Verantwortung übernehmen” meinen.

Im Dzogchen trägt anstelle von “Sollen und Müssen” der Einzelne also voll die Verantwortung. Das gilt in jeder Hinsicht. Es betrifft die Praxis, die Eigenart jedes Einzelnen, es betrifft Verpflichtungen und Gelübde. Auch unsere Haltung und unser Verhalten wird von uns bestimmt. Das ist nichts Vages, es ist etwas sehr Präzises, das sich folgerichtig aus der realen Erkenntnis der jedem Menschen innewohnenden Natur ergibt.

Chögyal Namkhai Norbu, Talks in Conway, Juli 1982



Was ist Dzogchen?
 
So wie sich eine Wolke im leeren Himmel bildet, so erscheinen auch alle Konzepte und Gedanken in unserem inneren Raum und verschwinden wieder in seiner Leerheit. Wir sollten versuchen, in uns selbst, unseren wahren Zustand zu verstehen, um zu sehen, wie all unsere Konzepte und Probleme dort aufsteigen, verweilen und sich wieder auflösen.

Die Entdeckung dieser Bedingung bedeutet den ursprünglichen Zustand finden. Um dies aber zu verstehen, müssen wir Konzepte und Gedanken hinter uns lassen. Unsere ursprüngliche Bedingung ist frei von Gedanken. Was jenseits von Gedanken liegt können Gedanken nicht erfassen. Man kann mit erklärenden Worten in den ursprünglichen Zustand einführen, aber die Erklärung ist nicht gleichbedeutend mit der Verwirklichung des Zustandes. Dzogchen ist direktes Verstehen ohne Gedanken, also nicht abgelenkt von Gedanken.

Jeder Mensch muß nach Innen schauen, um den Ursprung der Gedanken zu entdecken. Wenn man dann die Erfahrung dieser Entdeckung gemacht hat, kann der Meister in den ursprünglichen Zustand einführen und ihn erklären, da der Schüler bereits die Erfahrung gemacht hat. Der Meister führt den Schüler nicht in seine eigenen Konzepte ein, sondern er bestätigt und erklärt das, was der Schüler selbst entdeckt hat - Gedanken entstehen aus der Leerheit welche der wirkliche Zustand des Individuums ist-. Jeder Mensch hat diesen grundlegenden Zustand, der Buddhaschaft ist. Das ist nicht irgendetwas, das man von Außen erhält. Dies ist die wahre Natur jedes Individuums.


Auszug aus einer Belehrung von Tenzin Wangyal Rinpoche
Quelle: www.ligmincha.org
 
 

Die Große Vollendung - Dzogchen
 
In der Bön Tradition ist die höchste Lehre Dzogchen, die große Vollkommenheit oder die große Vollendung. Dzogchen lehrt, daß die Grundlage des Individuums und aller Erscheinungen die Untrennbarkeit von Leerkeit (tong pa nyid) und Klarkeit (`od sal) ist. Leerheit ist die Essenz aller Dinge. Dies bedeutet daß die grundlegendste Wahrheit der Dinge und Wesen darin besteht, daß sie keine essentielle Identität aufweisen. Wesenheiten existieren konventionell als konzeptionelle Bezeichnungen, aber ihre Identität weist keine unveränderlichen inneren Kern auf, sondern ist situationsbezogen und vorübergehend.

Die Identität verändert sich, weil die Bedingungen, auf die sich Identität stützt, vorübergehen und neue Bedingungen entstehen. Ein Baum wird angezündet und wird zu Feuer und danach Asche. Am Ende ist nichts mehr von dem Baum vorhanden. Wohin ist der Baum gegangen? Sogar unsere subjektive Wahrnehmung des Selbst ist von begrifflichen Vorstellungen geprägt und vergänglich.
Diese Leerheit ist keine nihilistische Abwesenheit von Existenz und Sinnhaftigkeit. Klarerweise tauchen Erfahrungen kontinuierlich für jeden von uns auf. Gewahrsein, in Verbindung mit dem unaufhörlichen Aufsteigen von Erscheinungen in der Erfahrung, ist der andere Aspekt der grundlegenden Wirklichkeit: "Leuchten" oder "Klarheit". Leuchtende Klarheit ist sowohl der Begriff als auch die sinnliche Erfahrung, die am besten das Gewahrsein umschreibt. Leuchtende Klarheit repräsentiert auch unsere Erfahrung der Erscheinungen wie sie in unserer Erfahrung "aufleuchten".
Leerheit und Klarheit sind untrennbar. Leerheit ist leuchtende Klarheit und leuchtende Klarheit ist leer. Im Dzogchen wird gesagt, daß diese fundamentale Realität eine Kapazität oder Kraft (tsal) hat, die sich als die niemals endende Manifestation der Erscheinungen ausdrückt; das unaufhörliche Werden und Vergehen von zahllosen leuchtenden Welten und Wesen - alle in der Essenz leer, aber dennoch als ein vorübergehendes Spiel des Lichtes existierend; Erscheinungen erheben aus der Basis von Allem (Kunzhi), als die nicht duale Manifestation von leerer Klarheit.

Im Kontext dieses Buches können Leerheit und Klarheit durch Raum und Licht repräsentiert werden. Dzogchen ist das große Wissen von Raum und Licht. Raum ist die leere große Mutter, aus dem alle Dinge als leuchtende Phänomene aufsteigen, in dem alle Dinge existieren und in den sich alle Dinge auflösen. Diese leuchtende Erscheinung ist das Spiel der fünf reinen Lichter, der Essenz der fünf Elemente. Diese Manifestation beinhaltet alle Dinge und Wesen und alle Elemente der Erfahrung. Dies ist die Grundlage der Dzogchen-Sichtweise.

Wie ich vorher schon ausgeführt habe, sagen die Dzogchen-Lehren, daß untrennbare Klarheit und Leerheit die wahre Natur der Erscheinungen sind. In den Dzogchen-Lehren wird diese fundamentale Wirklichkeit manchmal durch eine einzelne Kugel reinen Lichtes repräsentiert. Sie ist einzeln, weil sie nicht dual ist. Sie ist einzeln nicht im Gegensatz zu irgendetwas. Sie hat keine Begrenzungen oder Teile, kein Innen oder Außen. Obwohl sie nicht dual ist, manifestieren sich die Energien der Elemente kontinuierlich in ihr. Deswegen wird sie oft als als eine Kugel aus Regenbogenlicht gemalt, die aus den Farben der fünf Elemente besteht. Das Licht wird deswegen als Symbol benutzt, weil es das am wenigsten substantielle von allen den Dingen ist, die wir mit den Sinnen wahrnehmen können. Außerdem ist die Natur des Geistes strahlend und klar, wie Licht. Wie das Licht einer Kerze erhellt das Gewahrsein sowohl sich selbst als auch alles was es berührt.

In den tibetischen Lehren wird das Wort "nang wa" oft als "Vision" oder "Erscheinung" übersetzt. Aber es bezieht sich nicht nur auf visuelle Phänomene. In diesem Fall bedeutet "Vision" genauer "Erfahrung" und schließt das ein, was mit den körperlichen und den Augen des Geistes gesehen werden kann; auch das was gehört, gerochen, geschmeckt und getastet wird; auch das was in der geistigen Erfahrung und Vorstellung auftaucht. Dies sind alle "Visionen" weil sie im Licht des Gewahrseins, dem Licht der reinen Gegenwart aufsteigen. Obwohl dies nur Worte sind kommen sie nahe daran, die wirkliche Erfahrung zu beschreiben. Klarheit (das Leuchtende) bedeutet sowohl das "Licht" des Gewahrseins, als auch die Erscheinungen, die im Gewahrsein aufsteigen und die ohne Ausnahme auch lichtartig sind.


Auszüge aus dem Buch von Tenzin Wangyal Rinpoche:
Healing with Form, Energy and Light; Seiten 111 bis 114;


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09-13-2007, 11:33  


Vielen Dank für diese Texte :)


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