03-14-2005, 08:42 | Übertragung zwischen verschiedenen Systemen in der Beratung |
Übertragung zwischen verschiedenen Systemen in der Beratung
Warum wir in der Beratung 'Weltenüberbrücker' brauchen
Wieweit können Erfahrungen aus zwei verschiedenen Systemen übertragen werden, so dass eine sinnvolle Einflußnahme erfolgen kann? Wie ist das bei Eltern und Jugendlichen und deren Möglichkeiten, sich wirklich zu verstehen?
Wieweit kann z.B. ein Problem eines Kindes von Eltern wirklich erfasst werden, da diese doch aufgrund ihrer Selbstreferenz und subjektiven Konstruktion vor allem aus ihren eigenen Erfahrungen aus der Erwachsenenwelt bzw. aus der Erinnerung an ihre Jugend, die in einem ganz anderen gesellschaftlichen Kontext stattgefunden hat, auf die Erfahrungen ihrer Kinder schauen können?
Da schließt sich mir gleich die Frage an die Schwierigkeit bei der Beratung an, dass ein Berater, der genug Beratungserfahrung hat, schon wieder zu weit aus der Erfahrungswelt des zu beratenden Jugendlichen raus sein könnte, während der junge Berater, der vielleicht noch etwas mehr Einblick in diese Welt hat, noch nicht die geeigneten Instrumente hat, um beraterisch richtig zu handeln.
Auf der anderen Seite ist natürlich eine Einflußnahme von jemandem, der mehr oder weniger vollständig innerhalb des gleichen Systems steckt, auch wieder problembehaftet, da er nicht über den 'Tellerrand des Systems' schauen kann, nicht die nötige Distanz hat.
Der Schlüssel für diese Problematik ist ein Begriff, der aus den alten Kulturen stammt und 'Weltenüberbrücker' lautet. Was gar so mystisch klingt, hat eine ganz banale Bedeutung: Ein Weltenüberbrücker, und das waren in den alten Kulturen in der Regel die Medizinleute und Schamanen, ist in der Lage, sich für die Erfahrungswelt anderer Menschen zu öffnen, ohne allzuviel aus seinem eigenen Projektionsrepertoire hinzufügen zu müssen. Das ist die gleiche Haltung, die Hellinger als die 'phänomenologische Haltung' bezeichnet, in der man sich für die Phänomene des wissenden Feldes öffnet.
Das Prinzip wird bei uns heute vor allem von Streetworkern eingesetzt, die sich auch bei fortgeschrittenem Alter und betreuerischer Erfahrung oft betont szenenah geben. Doch auch in der (systemischen) Familienberatung ist die Haltung, sich unter Beibehaltung der eigenen Erfahrungsweisheit so weit wie möglich auf die individuelle Erlebenswelt des Klienten einzustellen, anzuraten. Auf diese Weise vermeidet man als Berater auch psychologisches Schubladendenken, das dem Einzelfall vielleicht nicht gerecht wird.
Übertragung zwischen verschiedenen Systemen in der Beratung ist also durchaus möglich, die entsprechende geistige Haltung muss jedoch durch den Berater aktiv hergestellt bzw. trainiert werden.
Andreas
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