
(Moderator)
Member since 03/2005 3693 Posts Location: Frankfurt (Oder)
| 04-22-2006, 14:31  |
Das soll nur als erste Einleitung dienen.... Mit ein wenig Recherche hier im Forum kommen sicher noch einige Einsichten zu diesem Thema zusammen.... Wenn dann Fragen im Detail bleiben, bin ich gerne bereit, diese persönlich zu beantworten. Die Frage, wie sie hier gestellt wurde, ist - wenn man sie vernünftig beantworten will - sehr weitläufig. Man könnte mit den Antworten gut und gerne ganze Bücher, Vorträge oder Meditations-Seminare füllen..... (Was viele buddhistische Lehrer auch tun und getan haben....)
In Ergänzung zum oben verlinkten Text sei noch erwähnt, dass der Buddhismus an sich - im Gegensatz zu den meisten 'westlichen' Lehren - stets bemüht ist, sich an die jeweilige Kultur anzupassen, wo er in einem gewissen Umfang gelebt wird. Dabei ist klar definiert, was die Essenz der Lehren ist, die auf jeden Fall rein gehalten werden müssen (dafür gibt es sogar besondere Schutzkräfte) - und was kulturelles 'Beiwerk' ist, das getrost fallen gelassen werden kann, wenn es um die eigentliche Lehre geht und nicht darum, Kulturschätze und traditionelle völkische Überlieferungen einer Kultur zu bewahren - was natürlich für sich gesehen ein ehrenhaftes und wichtiges Engagement bedeuten kann.
In diesem Sinne hat sich der Buddhismus in Tibet zu einer eigenen Form entwickelt, die die aus Indien vor der Zerstörung geretteten Lehren bewahrt, aber auch in die Kultur eingebettet hat. Dazu wurden die Texte ins tibetische übersetzt und der in Tibet vorhandene Pantheon an archetyptischen psychologischen und schamanischen Gottheiten wurde - in der Regel ohne Gewalt und Dämonisierung - in die buddhistische Lehre integriert. Das war wichtig, um die Tibeter, die an der buddhistischen Lehre interessiert waren, in ihren Vorstellungen nicht zu entwurzeln und ihnen dennoch die Vorteile des buddhistischen Denkens nahe zu bringen.
Die scheinbaren Widersprüche, die auch durchaus zu Diskussionen zwischen den buddhistischen Strömungen geführt haben, ergeben sich mehr aus den verschiedenen Wegen - die alle auf Buddha zurückgehen - als aus den kulturellen Unterschieden. Dass gerade in Tibet der Vajrayana bewahrt werden konnte, hat etwas mit der Abgeschiedenheit zu tun, in der die oft unkonventionellen, die Gesellschaft in ihren Normen überschreitenden mystischen und nicht-dualen 'Geheimlehren' des tantrischen Buddhismus und des Mahamudra und Dzogchen ohne zuviel Widerstand herrschender Schichten gepflegt und praktiziert werden konnten.
Ein Beispiel für einen dieser scheinbaren Widersprüche ist, dass im Theravada auf Basis der Lehre von der Überwindung aller Wünsche und Begehren die monastische Tradition im Mittelpunkt steht. Da der Theravada-Praktizierende in der Regel seine Wünsche und Begehren angesichts der Konfrontation mit der Alltagswelt nicht überwinden kann, zieht er sich in die Abgeschiedenheit eines Klosters zurück, um diese Konfrontation zu vermeiden und so durch Meditation Geistesruhe zu erlangen, die eine tiefere Erkenntnis möglich macht.
Ob diese Geistesruhe auch stabil zu erhalten ist, wenn der Praktizierende in Kontakt mit dem Alltag gerät, ist eine der Fragen, die sich im Vergleich zwischen den Wegen stellen.
Der tantrische Buddhismus (der im Gegensatz zu dem auf den Sutras beruhenden Theravada auf den buddhistischen Tantras beruht) wurde unter anderem deswegen so attraktiv, weil er die Möglichkeit mit einschliesst, als Laie im Alltag jedes Geschehen als Teil des Weges zu verwenden. Begehren - auch sexueller Art - wird hier nicht durch Vermeidung ausgeschaltet, sondern transzendiert und zur Praxis der direkten Transformation gemacht.
Es gibt ein bekanntes Beispiel: Ein Wanderer kommt durch einen enge Schlucht, in der jäh eine Giftpflanze den Weg vollkommen versperrt, die bei Berührung tödlich ist. Der Theravada-Praktizierende würde nun umkehren und einen anderen Weg wählen, auch wenn es sehr viel Zeit iun Anspruch nimmt. Der Mahayana-Praktizierende würde sich die Mühe machen, das Gift genau zu analysieren und ein Gegengift herzustellen. Das Rezept würde er aus Mitgefühl für Nachkommende in den Fels neben der Pflanze meisseln. Jemand, der Mahamudra oder Dzogchen voll verwirklicht hat, würde die Pflanze und seinen eigenen Körper als Illusion begreifen und einfach weitergehen, dabei entweder einfach durch die Pflanze durchgehen, als wäre sie Luft - oder das Gift im Körper direkt umwandeln, ohne davon beeinträchtigt zu werden.
Keiner dieser Wege ist in irgendeiner Weise zu beurteilen oder als 'höher' anzusehen. Worauf es ankommt, ist, dass man die Situation meistert mit einer Methode, die individuell funktioniert und einen weiterbringt.
Lieben Gruss!
Andreas
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