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03-14-2005, 09:37   | Was ist der Unterschied zwischen Systemik und Systematik?


Was ist der Unterschied zwischen Systemik und Systematik?


Systematik

Die Einteilung von Dingen in Kategorien nach ähnlichen Merkmalen, oft hierarchisch.

Wenn ich einen Stapel Papier systematisch sortiere, dann sortiere ich ihn z.B. nach Merkmalen wie: Telefonrechnungen, Tankquittungen, Bank-Korrespondenz, private Briefe, Verträge...

Und dann nochmal in übergeordnete Kategorien: Alle bereits sortierten Stapel nach  Datum und Relevanz für das Finanzamt. Dann bekomme ich Telefonrechnungen und Tankquittungen für 2002 und 2003 jeweils in einem Stapel und die restlichen Sachen getrennt usw.

Ähnlich geht man in der Biologie vor, wo der Begriff z.B. für die Einteilung der Tierwelt in Kategorien und Unterkategorien gebraucht wird.



Systemik

Die von der Systemik definierten Systeme haben alle bestimmte Merkmale gemeinsam. Ein System besteht aus Kommunikationen als systembildendes Element. Ein solches System hat die Bestrebung, sich selbst zu erhalten und hat in der Betrachtung von Dingen immer einen Rückbezug auf sich selbst.  (Autopoiesis / Selbstreferenz)


Autopoiese

die Fähigkeit von Systemen, alle wesentlichen Elemente, aus denen sie bestehen, durch interne Vernetzung zu produzieren oder zu reproduzieren. Auf diese Weise erhalten solche Systeme ihre Struktur auch bei Ausscheiden oder Veränderung einzelner Elemente. Der Begriff wurde ursprünglich in der Biologie zur Beschreibung des Lebens gebraucht; durch N. Luhmann wurde er in die Soziologie eingeführt und zu einer Theorie sozialer Systeme ausgebaut.

Ein soziales System hat immer einen Code, ein Gegensatzpaar, das die Werte und Zielsetzung des Systems definiert. So hat zum Beispiel das wirtschaftliche System den Code Gewinn/Verlust, das wissenschaftliche System wahr/falsch usw.

Hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Systemik und Systematik!

Aber es gibt natürlich auch Überschneidungen... 


Ich versuche mich mal am Casino. Eine systematische Untersuchung eines Casinos würde z.B. hervorbringen, dass es Bereiche für Mitarbeiter und Bereiche für Besucher gibt. Es gibt Bereiche, wo gespielt wird, eine Bar, ein Backoffice und Gesellschaftsräume für Mitarbeiter. Bei dieser Unterteilung geht es um unbelebte Dinge, die sich nicht dadurch auszeichnen, dass Kommunikation stattfindet - die also nicht mit Hilfe der Systemik untersucht werden können. Wenden wir eine andere Systematik an, dann könnten wir aber auch die Gruppe der Besucher und die Gruppe der Mitarbeiter unterscheiden.

Weiterhin gibt es bei den Mitarbeitern z.B. Kellner, Croupiers, die Mitarbeiter der Chefetage und die Finanzabteilung. Aus einer systemischen Sicht sind dies Subsysteme des Systems Casino. Das ganze Casino ist wiederum ein Subsystem verschiedener übergeordeneter Systeme, ins Auge sticht hier besonders das wirtschaftliche System, da es ja auch im Casino um Geld und Gewinn/Verlust geht - nicht nur am Roulette-Tisch, sondern für das ganze Casino als Wirtschaftsbetrieb. Im Rahmen dieser Kategorisierung kann man nun die ganze Palette systemischer Begriffe und Methoden anwenden.

Ein Beispiel zur Autopoiesis ist, dass das System Casino weiterexistiert, auch wenn Mitarbeiter kommen und gehen. Theoretisch kann man die gesamte Belegschaft mitsamt Chefetage austauschen - und das Casino ist immer noch da und funktioniert weiter! Alles, was es braucht, kann innerhalb des Systems reproduziert werden. Hier zeigt sich deutlich, dass ein System nicht aus Menschen besteht, sondern dass eben Kommunikationen ein System konstituieren, die Elemente des Systems sind!


Exkurs: Das ist wie beim Menschen: Alle 7 Jahre haben sich alle Zellen im Körper einmal ausgetauscht - materiell gesehen ist man dann ein völlig neuer Mensch, hat sich stofflich einmal komplett an die Umwelt weggegeben und aus der Umwelt alles neu erschaffen. (Hier ist mit 'Umwelt' der allgemeinsprachliche Begriff gemeint, nicht die systemische Definition!) Trotzdem ist man noch der Mensch, der man auch schon vor 10 Jahren war.

Aber ist man das wirklich? Man kann den Menschen offensichtlich nicht am materiellen Körper festmachen. Aber die Gedanken und Gefühle ändern sich ja noch viel schneller!

Was ist das konstituierende Element, das bestimmt, wer wir sind? Was ist das, was immer gleich bleibt, was also unser Ich - unsere Individualität ausmacht? 

Nun könnte man sagen, dass man eine Erinnerung an einen Lebensweg hat, die einen als Individuum unterscheidet. (Der Lebensweg an sich ist ja Vergangenheit, also nicht mehr existent. Es existiert nur die Erinnerung daran.) Aber was ist mit Menschen, die einen Gedächtnisverlust erlitten haben und wo niemand mehr lebt, der sie kennt und der sich an ihre Vergangenheit erinnert? Sind die dann nicht mehr sie selbst, sind sie dann jemand anders? Ich möchte diesen eher philosophischen Exkurs hiermit beenden und die Antwort offen lassen...


Ich empfehle gerne folgende Bücher (Sekundärliteratur), um das Wissen über die Systemik zu vertiefen:


Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme (Nassehi/Kneer)

http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3825217515/forumsystemis-21

Das ist eine Einführung speziell in die sozialen Systeme, die recht verständlich ist...


Die  'Einführung in die allgemeine Systemtheorie' von David J. Krieger ist breiter und allgemeiner gefasst und bezieht sich nicht nur auf soziale Systeme:

http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3825219046/forumsystemis-21

Andreas


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