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Ernährungshistoriker Gunther Hirschfelder über deutsche Esskultur

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  Andreas
   
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04-30-2005, 12:54   | [ZDFheute] 'Essen wie die Steinzeitmenschen'


Quelle und ganzer Artikel: http://www.heute.de/ZDFheute/inhal.../0,3672,2290680,00.html
(gekürzt)


Essen wie die Steinzeitmenschen

Ernährungshistoriker Gunther Hirschfelder über deutsche Esskultur

Fernsehköche brutzeln auf allen Kanälen, Zeitschriften verkünden die neuesten Frühlingsdiäten, Bio-Kost boomt: Das Thema Ernährung ist in aller Munde. Doch mit der deutschen Esskultur geht es nach Meinung von Gunther Hirschfelder bergab. Der Ernährungshistoriker und Kulturwissenschaftler spricht im Heute.de-Interview über aussterbende Tischsitten und den neuen Trend zum Steinzeitsnack - essen überall und zu jeder Zeit.

Heute.de: Studien haben ergeben, dass die Deutschen nur noch einen relativ kleinen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Hat die Ernährung an Bedeutung verloren?

Gunther Hirschfelder: Die Deutschen schreiben offenbar anderen Produkten einen höheren Luxuswert zu, wie zum Beispiel Autos und Uhren. Es ist eigentlich ein unwürdiger Zustand, wie billig und wie schlecht in Deutschland gegessen wird. Man kann fast sagen, es hat noch keine Gesellschaft gegeben, die so reich ist und gleichzeitig einer schmackhaften, gesunden und auch weniger gesundheitsschädlichen Ernährung einen so geringen Stellenwert beimisst.

Heute.de: Die viel beschworene Geiz-ist-geil-Mentalität hat also auch auf den Lebensmittelsektor durchgeschlagen?
 
Hirschfelder: Es gibt Menschen, die sich ein Luxusauto leisten und damit dann bei Aldi oder Lidl vorfahren. Dieses Verhalten wird aber auch stark von den Medien und der Werbung beeinflusst. Die Werbung suggeriert, dass wir möglichst billig einkaufen müssen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Konsumenten fast schon eine Art Befriedigung empfinden, wenn sie eine Billigsalami gekauft haben. Dieselben Menschen haben dann ein schlechtes Gewissen, wenn sie hundert Gramm frischen Aufschnitt für 2,50 Euro an der Fleischtheke kaufen. Und ein Essen, bei dem man ein schlechtes Gewissen hat, schmeckt nicht.
 
Heute.de: Gibt es nicht unterschiedliche Trends? Die einen stürzen sich auf Billigprodukte, andere auf hochpreisige Lebensmittel und wieder andere wollen sich mit Bio-Produkten sehr gesundheitsbewusst ernähren?

Hirschfelder: Es ist nicht abzustreiten, dass viele sich gesundheitsbewusst ernähren wollen. Oft fehlt aber eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema gesunde Ernährung. Das sieht man beispielsweise auch daran, dass das so genannte Functional Food wie beispielsweise probiotischer Joghurt boomt. Die Menschen glauben, sie ernähren sich damit gesund. Das sind aber Lebensmittel, die die Wirtschaft erfunden hat, Marketing-Gags.

Ein anderer Aspekt ist, dass viele Menschen meinen - und das auch in Befragungen sagen-, sie führten einen gesunden Lebensstil, tatsächlich verfolgen sie ihn aber nicht. Sie sagen, sie ernähren sich bewusst, weil sie zwei Mal in der Woche gesund kochen oder im Bio-Supermarkt einkaufen. Gleichzeitig ernähren sie sich im beruflichen Alltag mit der Pizza in der Mittagspause oder in der Kantine. Es gibt nur Wenige, die einen homogenen Ernährungsstil verfolgen.
 
[...]
 
Heute.de: Es müsste sich also auch im Essverhalten etwas ändern, man müsste zu traditionellen Tischgemeinschaften und Tischsitten zurückkehren?
 
Hirschfelder: Es muss sich dringend etwas ändern. Die hohen Fehlernährungsraten, Magersucht und Fettleibigkeit, sind dringende gesellschaftliche Probleme. Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen nehmen zu. Das hat in naher Zukunft extreme ökonomische Folgen: Ausufernde Kosten für künstliche Hüft- und Kniegelenke für 30- oder 40-Jährige beispielsweise. Denn Menschen, die in ihrer Kindheit schon übergewichtig sind, werden in diesem Alter an Gelenkerkrankungen leiden.
 
Nicht jede traditionelle Tischgemeinschaft ist allerdings erstrebenswert. Vielfach war dort ausgewogene Ernährung nur für die obere Schicht reserviert. Außerdem fand Erziehung oft am Tisch statt - mit teilweise drakonischen Maßnahmen. Essen hat ein sozialisierende Wirkung. Positiv empfundene Tischgemeinschaften stiften soziale Identität. Und Tischgemeinschaften können den Rahmen für ein Essen mit Genuss bieten. Vielleicht entdecken die Menschen dann auch wieder den Geschmack der Lebensmittel.
 
[...]

Heute.de: Wie lassen sich Kinder denn wieder zu kleinen Gourmets erziehen?
 
Hirschfelder: Wir müssen ein Bewusstsein für eine gesunde und schmackhafte Ernährung schaffen. Ich denke, wir brauchen eine intensive gesellschaftliche Diskussion um Ernährung. Und wir brauchen Ernährung als Schulfach.


Quelle und ganzer Artikel: http://www.heute.de/ZDFheute/inhal.../0,3672,2290680,00.html
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